Der Buchstabe A

Keine Sorge, ich werde hier jetzt nicht jeden Tag einen neuen Buchstaben durchgehen.

Aber ich steh auf Typographie. Und das schon seit Ewigkeiten.


Und sicherlich findet das der ein oder andere Toll, wenn die Schrift irgendwie cool oder schick aussieht.

Bei mir ist es eher der Buchstabe an sich. Hier am Beispiel des ersten Buchstaben: A.

Und das in den vermeintlich langweiligsten Schriften überhaupt: Arial und Helvetica.


Das "A" ist in einer einfachen Schrift (serifenlose Linearantiqua) schon spannend genug für meinen Kopf.

Geometrisch könnte man meinen, dass der Buchstabe zwei Stützbalken und eine Waagerechte hat. Alle gleich dick.

Sieht irgendwie belastbar aus.


Aber würde man die so aus Holz bauen, wären die nicht das, was man unter Präzision versteht.

Ein genauer Blick auf die Arial und die Helvetica:


Hier sieht auch das ungeübte Auge, dass zumindest das linke A nicht ganz sauber wirkt in der Spitze. Aber zumindest beim rechten würde man vermuten, dass es mittig gespiegelt werden kann.



Auch nicht. Beide Buchstaben sind nicht Achsmittig zu spiegeln. Doch damit nicht genug.

Wie schaut es aus mit dem Balkenstärken von dieser dachähnlichen Konstruktion?

Unterschiedlich. Das linke Bein ist immer etwas leichter als das rechte. Jeden, den ich habe raten lassen, meinte es genau umgekehrt.

Weil man von links nach rechts liest, gewichtet man automatisch mehr in diese Richtung.

Und das der mittlere Balken auch eine andere Stärke hat als die seitlichen Beine sieht man ja. Der ist hier auch immer etwas dünner als die Beine.


OK. Nicht mittig. Nicht sauber. Und unterschiedliche Balkenstärken.

Und da kommt noch mehr:

Die Arial traut sich sogar, den Balken nach oben hin zu verstärken bzw zu krümmen.

Und dann taucht der auch noch oben wieder nach innen ein. Das ist schon nicht mehr schön bei genauer Betrachtung.

Aber sehr gut lesbar.


Hinzu kommt noch, dass die Unterschneidung/der Buchstabenabstand/das Blei/Spationierung der Buchstaben beim A variiert.

Seht ihr, wie weit der obere T Balken (nebenbei: das T ist auch nicht spiegelbar) über das rechte Bein vom A ragt?

Unten seht ihr zwei Ankerpunkte. Diese weißen Quadrate. Dass ist die Abstandsregelung zwischen den einzelnen Buchstaben.

Und beim A (bei anderen auch, aber nicht so intensiv) wandert dieser Punkt.

Und das linke Ende vom T ist nicht lotrecht mit dem rechten Ankerpunkt vom A, um es noch verwirrender zu machen.


OK. Harter Stoff :)

Aber das kleine a kann da in einigen Schriften noch eins drauf setzen.

Kursiv (italic) und "normal" unterscheiden sich nicht einfach durch eine Neigung.

Kursiv ist ein komplett eigener Schriftschnitt. Und das geht bei einigen Schriften so weit, dass der komplette Typ des Buchstaben geändert wird.

An der Schrift "Fago" sieht man es sofort:


Hier wird nicht nur einfach geneigt, hier wurden das a und das g komplett erneuert. Alle anderen auch, aber dort sieht man es deutlich.

Ein paar Schriftsatzprogramme bieten bei jeder Schriftart auch italic an. Ist quatsch, wenn es die Schrift nicht in der Form gibt. Das wird dann wirklich nur gekippt.

Nennt sich dann meist "synthetisch".


Wenn ihr also das nächste mal in einem Wartezimmer hockt, legt das Smartphone bei Seite und schaut euch nur die Deckblätter der Zeitschriften an.

Für mich eine eigene Welt an Buchstaben. Und hin und wieder findet man Dinge.

Schaut mal genau bei dem Screenshot der Fago in italic hin: das a und das o gehen unten tiefer als das F. Und auch das kleine g ist in italic unten am Bauch höher als das a ... und als das F.

Unterschiedliche Unterschneidungen auf der Schriftlinie.

Details. Wer drauf steht, wird in Schriften immer etwas finden.




Für mich ist das wie sehr detailreicher Modellbau. Da hat sich jemand wirklich sehr viel Mühe gegeben.

Und nur wenigen fällt es überhaupt auf.


Ich kann Schrift aber auch noch wie vor einfach nur schön finden 8)

Optisch am schönsten ist für mich alles aus dem arabischen Raum.

Nahezu schmerzhaft unschön finde ich kyrillisch.

In unseren westlichen Schriften gibt es so viel Auswahl. Die Garamond als klassische Buchschrift ist schon perfekt.

Die Frutiger in Bahnhöfen ist neben ihrer Sachlichkeit auch einfach schön. Wenn auch nicht als Buchtext.

Derzeit, bzw seit Windows 10, findet man sehr viel die Calibri. Auch nicht schlecht, wenn mir diese ganzen Abrundungen auch etwas zu verspielt sind für den beruflichen Alltag.



Und als Schrift-Nerd stört mich, dass jeder Buchstabe, also die bauchigen wie die geraden, in der Schriftlinie unterschneiden.

Das mag maginal sein, aber zB CorelDraw berechnet den Abstand entweder vom Objekt oder von der Schriftlinie.

Und hier wäre dann beides falsch.


Das dazu :)

Kommentare 1

  • Ich glaub die diversen Radien und Dickenunterschiede in Schriftarten sind weder Mühe noch Faulheit der macher der Schriften, sondern Skalierungsoptimierung auf Software Seite.

    Ich hab vor Ewigkeiten mal fürn Kunden ihre Logoschrift als Vektor-Font umgesetzt, nachdem ich fertig war haben die sich beschwert dass beim Großdruck z.B. das A und H asynchron war, im A/Y/K waren Radien drin, etc. In den original Datein waren aber keine von diesen "Eigenarten" zu finden, die entstanden erst beim erstellen der .OTF und waren auch jedes mal mit dabei bis ich ein paar Häckschen bei den Einstellungen weggemacht hatte.